Lothar
Lothar schläft nicht gerne. Er hasst es und es ist lästig. Als Säugling haben seine Eltern ihn um sechs Uhr Abend in sein Bettchen gelegt, die Tür verschlossen und ihn schreien lassen, bis er endlich eingeschlafen war. Später als Kind fand er es immer bescheuert, dass Spielen zu beenden und der Übergang zur Schlafphase gelang ihm mehr schlecht als recht, es dauerte Stunden bis sein kleiner Geist zur Ruhe kam. Als Jugendlicher dann ließ er schon regelmäßig Nächte komplett aus, es gab einfach zu viele Dinge, die interessanter waren als Schlafen. Ungefähr alles ist spannender als Schlafen, findet Lothar.
Jetzt mit Anfang 50 stellt er fest, dass er genug geschlafen hat. Er ist mittlerweile Kapitän bei einer Billigfluggesellschaft, stationiert an einem dieser Wald- und Wiesenflughäfen, ehemalige russische Militärplätze, steuerlich subventionierte Baracken, 24 Stunden unein-geschränkter Flugbetrieb, damit es sich für die Betreiber überhaupt irgendwie lohnt, dass jeder Bauer direkt von der Milchkanne an den Ballermann fliegen kann. Abflugzeit nach Mallorca drei Uhr morgens, Hurghada um eins, Luxor kurz danach, im Schutze der Dunkelheit zu diesen gottlosen Enklaven des Discounter-Tourismus düsen, um sich zwei Wochen lang auszuklinken bei billigem All Inclusive Fusel und schlechtem Essen.
Lothar erscheint pünktlich um halb drei morgens für seinen Flug nach Antalya, türkische Riviera. Das Klientel zu dieser Jahreszeit: Sparfüchse, Billigheimer, Pfennigfuchser, Paybackpunkte- sammler. Lothar hat zu diesem Zeitpunkt schon knapp drei Monate nicht mehr geschlafen, seine Passagiere haben lediglich die Nacht durchgemacht und sammeln sich in kleinen Gruppen an einer der improvisierten Bars im Terminal und bestellen sich vor Abflug noch schnell eine Flasche Lüttruper Pilsener für 7,50€, regional soll es sein, so wie der Flughafen.
Lothar schlafwandelt durch die Abflughalle, er denkt zwar man sieht ihm sein neues Lebensmodel nicht an, aber er schaut fürchterlich aus. Er musste das Sakko seiner Uniform zwei Nummern größer bestellen, da sein Bauchumfang antiproportional zum Rest des Körpers steht, was übrigens nicht auf die klassische und unter Piloten weit verbreitete Fresssucht, sondern auf seinen Lebenswandel zurückführen ist. Schlafmangel macht nicht nur depressiv und herzkrank, sondern führt auch zu Bluthochdruck, Diabetes, Schlaganfall, Verspannung, Impotenz, Inkontinenz und eben auch Fettleibigkeit.
Seine dicken Finger schauen aus den zu langen Ärmeln des Sakkos hervor, wie abgeschnittene und aufgeplatzte Bockwurstenden von der Sorte Bockwürste von der Autobahntanke, die stundenlang unter hoher Luftfeuchtigkeit aufrecht in einem Wurst-Rondell ausharren müssen, farblos und matt, ohne jeden Glanz.
Kerstin vom Kegelclub Cottbus bietet Bockwurst-Lothar ein Bier an und wird für diesen Gag von ihren Kegelschwestern frenetisch gefeiert, Lothar aber lehnt müde grinsend ab. Seine Zähne stehen im Kontrast zu seiner fahlen Hautfarbe. Dunkle, ungeformte Stumpen säumen sein Maul, krumm und schief wachsen die Teile aus seinem Kiefer, die Abstände sind groß, wie bei einem Hai oder wie die Grabsteine eines Soldatenfriedhofs. Er verschwindet durch die Gangway ins Flugzeug.
Der Flug verläuft ereignislos bis in Höhe Wien, wo Lothar einnickt. Ein Powernap, seine Geheimwaffe, fünf bis 15 Minuten Abschaltung aller Betriebssysteme, Energie-Druckbetankung für die nächsten acht Stunden. Mit dieser Technik schafft er es, dass sich die 168 Stunden einer Woche wie ein einziger niemals enden wollender Tag anfühlen, das Leben spielen ohne schlafen zu müssen, sein wahr gewordener Kindheitstraum. Die Kollegen kennen ihn, man lässt ihn gewähren. So auch heute. Er verschläft den Überflug des Balkans komplett, aber irgendwas ist anders. Normalerweise ruht sein Kinn auf der Brust, Hände gefaltet vor dem Bauch, wie ein betender, dicker Buddha, heute aber ist Lothar komplett zusammengesackt, sein ganzer Oberkörper nach vorne gekippt, der Kopf ruht zwischen seinen Beinen, als würde er versuchen an seinem eigenen Hintern zu schnüffeln, die Arme hängen parallel zu den Unterschenkeln herunter, kompletter Spannungsverlust im ganzen Körper.
Kurz vor dem griechischen Luftraum probiert der Copilot den tiefschlafenden Lothar zu wecken, aber es will ihm partout nicht gelingen, er holt die Flugbegleiterin zur Hilfe, doch auch sie resigniert. Ist er tot? Nein, der atmet ganz ruhig und flach. Aber er wacht einfach nicht auf? Sie richten ihn auf und fixieren ihn mit den Schultergurten. Der Copilot entschließt sich zu einer außerplanmäßigen Landung in Athen, die Prozeduren sehen das so vor, noch braucht es zwei tollkühne Männer in einer fliegenden Kiste, so geht das nicht, einfach wegratzen und nicht mehr aufwachen.
Nach der Landung auf dem internationalen Flughafen von Athen kommt als erstes der Notarzt mit einem Sanitäter ins Cockpit. Lothar bekommt von all dem nichts mit. Sein Puls pulsiert, der Blutdruck pressiert, die Atmung zirkuliert und das Herz pumpt. Es ist alles, wie es sein soll, er schläft halt einfach fest und ist nicht wach zu bekommen. Sie bringen ihn in die Uniklinik und führen diverse Untersuchungen durch, stellen aber nichts weiter fest, außer dass er schläft. Ein Schlafmediziner schließt Dioden an sein Hirn und mißt die Ströme, um seine Schlafphasen zu bestimmen, aber auch das ist unauffällig, bis auf eben die Ausnahme, dass er einfach nicht aufwacht.
Manchmal träumt Lothar noch. Er träumt dann davon, wie schön es gewesen wäre, für immer wach zu bleiben.