Schatz, we need to talk
Was sind das bloß für Zeiten, in denen wir leben? Neulich hat ein durchgeknallter Tech-Milliardär mit Hitlergruß salutiert, die Welt regt sich zwar auf, aber so richtig wundern tut es auch keinen. Aber ich mein, wer kennt es nicht auch? Da gelingt einem das perfekte Frühstücks-Ei und vor lauter Euphorie rutscht einem ein freudiges „Sieg Heil“ über die Lippen oder auf Sylt brüllt man mit den anderen Rich Kids gemeinsam „Ausländer raus“ zur Melodie eines Party-Klassikers, eben einfach nur weil alle es so machen. Wie dieses Ding mit dem hochgestellten Kragen beim Polo-Hemd. Das ist halt der ganz normale Wahnsinn these days.
Trump ist jetzt also wieder Präsident der USA, er wird es schon richten, all eyes on me. Hier zulande gibt es bald vorgezogene Wahlen mit ungewissem Ausgang und überall im Fokus stehen die sozialen Medien, nicht erst seitdem Zuckerberg selbstlos die Abschaffung der Fact-checks auf all seinen Scheißhaus-Plattformen angekündigt hat. Ob man dann noch nachvollziehen kann, ob ein Foto wirklich auf Portra 400 aufgenommen wurde oder gar doch - soll es ja geben - einfach nur digital entstand? Bevor dir mein Beitrag zu politisch wird, habe ich mir erlaubt etwas Foto-Content einzustreuen, um deine Bildschirmzeit und Verweildauer auf meinem Blog zu verlängern.
Aber es geht nun mal nicht komplett ohne Politik - oder vielleicht doch? Also nach der Ankündigung Zuckerbergs blieb es in meiner bubble weitgehend still. Ohnehin ist mein Instagram ziemlich unpolitisch. Ein paar Leute teilen neben ihren eigenen Photos auch mal politische Inhalte und da diese Leute eher links/linksliberal zu sein scheinen, stört mich das nicht. Im Gegenteil, ich begrüße das sogar, hat mir der ein oder andere geteilte Artikel schon mal geholfen meine eigenen, festgefahrene Meinung zu relativieren und mir einer anderen Sichtweise zumindest Zugang zu verschaffen.
Das ist aber die Ausnahme. Mein IG explore feed besteht zu Dreiviertel aus Fotografie Content und den ewig gleichen, langweiligen reels, das übrige Viertel teilt sich auf in Food, Lifestyle, Musik und Comedy content. Der Algorithmus weiß also, dass man mich schon lange nicht mehr mit dem, weswegen ich eigentlich bei Instagram angefangen habe, bei der Stange halten kann. Es geht ja auch letztlich nur um unsere Zeit. Womit wir die Zeit dort verbringen, ist eigentlich egal. Das sollte mittlerweile jeder wissen, aber das es so offensichtlich geworden ist, nervt halt im Moment schon.
Noch krasser ist TikTok. Es ist so easy bei dieser Plattform komplett die Zeit zu vergessen. Die unter euch, die diese Plattform benutzen, wissen, wie schnell der Algorithmus von TikTok dich durchschaut und ganz genau zu wissen scheint, welche Dinge dich interessieren könnten. Du weißt nicht, was roughnecks sind und was die auf einer Drilling Farm machen? Dann such doch einfach mal bei TikTok, schau dir die Videos an und denke dann an diese Männer, wenn du beim Öffnen einer Dose Ravioli schon ins schwitzen gerätst. Du wußtest nicht, dass du gerne Leute dabei beobachtest, wie sie von Türstehern ein paar in die Fresse bekommen? Be my guest, darling, it’s all here on TikTok. Eigentlich schlimm und dann doch so convenient, wenn man mal wieder den Schärfe-Grad einer Jalapeño-Salsa falsch eingeschätzt hat und sich im Badezimmer verschanzt.
Ist das jetzt quality time? Also time habe ich momentan sowieso kaum. Ich befinde mich in Elternzeit und im Gegensatz zu meinem Arbeitskollegen, der den ersten Monat seiner Elternzeit dazu benutzt hat einen Jagdschein, den zweiten einen Segelschein zu machen (und wahrscheinlich CDU wählt lol), nehme ich diese Zeit ernst und stelle fest, dass es mir sehr viel Spaß bringt, mich ausschließlich um meine Kindern zu kümmern. Wenn die drei „Großen“ (2,5,7) dann endlich im Familienbett liegen und schlafen, beginnt meine quality time. Und in der möchte ich mir keine zehn Sekunden langen Short Videos auf Instagram, TikTok oder YouTube anschauen. Bei YouTube muss man regelrecht vorbeiscrollen, um nicht auf den Shorts zu landen. Und wenn man es dann geschafft hat, dann grinst einen schon wieder Matt Day‘s Speckfresse an, wie er zum sechsten Mal in einem Jahr das komplette Kamerasystem gewechselt hat, thanks to his friends at KEH camera. Mein YT besteht nur noch aus Gear. Das ist natürlich ein Stück weit meine eigene Geschichte, aber gerade in der Foto Bubble macht ja kaum jemand anderen content. Das ist einfach nicht lukrativ genug. Dabei gibt es diese Menschen. Diese kleinen Kanäle, die sich mit dem kreativen Schaffen auseinandersetzen, weitgehend unbeachtet bleiben von der breiten Masse mit ihren weit unter zehntausend Klicks. Schaut mal selber.
Also. YT ist es nicht mehr. Instagram wird schwierig. Ich weiß, kaum einer hat eggs und verlässt jetzt die Plattform, jeder von euch hat seine eigene Ausrede parat, aber die sind auch alle sehr konstruiert. Das mit den Fact Checks beträfe ja nur die USA, höre ich immer, aber das Argument hinkt, schließlich ist Instagram global verfügbar und es gibt literally keine Grenzkontrollen in Social Media.
Man wolle jetzt Instagram nicht den Trollen und Rassisten, conspiracy theorists und Hasspredigern überlassen, man wolle alldem etwas entgegen setzen, ist ein weiteres Argument, was einen davon hindert IG zu verlassen. Ja, das ist wirklich sehr ritterlich von dir, aber wenn du mal auf entspannt von deinem Kampfgaul absteigst und das Visier hochschiebst, wirst du sehen, dass Meta das völlig egal ist. Die wollen deine Zeit. Nicht deinen politischen Kampf. Guck doch, was mit Twitter passiert ist, seit dem Egon Mask dort „Redefreiheit“ eingeführt hat. Nicht zum aushalten dort. Aber einfach mal Dreiviertel des Marktwerts verloren. Das juckt dann doch ein paar mehr Leute.
Das letzte Argument ist die sogenannte Alternativlosigkeit. Immer wenn man davon spricht, IG zu verlassen, wird direkt nach einer Alternative gesucht. Thomas B Jones hat das in diesem Video ganz gut beschrieben. Aber warum eigentlich? Warum gieren wir alle nach einer Alternative? Im Gegensatz zur GenZ kenne ich als Millennial noch eine Zeit vor Social Media und die war eigentlich sehr erfüllend, auch wenn es sich unendlich weit weg anfühlt.
Für die jüngeren unter euch: Ein gut geführter Haushalt hatte früher auf dem WC eine Auswahl verschiedener Zeitungen/Bücher und Hank von „Breaking Bad“ hätte niemals herausgefunden, dass sein Schwager in Wirklichkeit der Drogenbaron Walter White ist, hätte er auf dem Scheißhaus nicht nach einem Buch gegriffen sondern TikTok geschaut. Ist so Bruder.
Aber es ist weit weg. Mein erstes Smartphone hatte ich 2007. For fucks sake was habe ich 2006 gemacht auf einer mehrstündigen Bahnfahrt. Es gab auch noch kein Streaming, mal eben ein Film runterladen war schlicht und ergreifend unpraktisch und teuer. Aber diese Diskussion ist müßig. Sie führt zu nix. Wir müssen sie mit denen führen, die ein Leben ohne Social Media und mobiles Internet nicht mehr kennen.
Roman Fox - ein digital nomad, der die Welt bereist und fotografiert und darüber bloggt, dass er ein digital nomad ist, die Welt bereist und fotografiert - schrieb unter einen thread von Alex Munoz:
„Honestly social media is the best thing to ever happen to me. If not for social media, I wouldn’t have made some of my best friends. I wouldn’t have met my girlfriend. I wouldn’t have a career and I wouldn’t have been as inspired to travel the world. Social media is the best tool in the world to get your voice out there and connect with other likeminded people.“
I find that those who are the most bitter towards it, have deeper issues to deal with.
Das ist schön und tragisch zugleich. Zum einen hat dieser junge Mann es geschafft, sich mittels Social Media ein Einkommen zu generieren und sicherlich ist ihm das nicht zugeflogen, denn Roman postet wirklich mehrfach die Woche Artikel in seinen Blog, YT und es handelt sich dabei wirklich um quality content. Auf der anderen Seite zeigt sein letzter Satz, wie gefangen er in seiner Bubble ist und wenig kritisch er den Umgang mit Social Media hinterfragt. Seiner Meinung nach sind Menschen die Social Media doof finden Psychos. Im weiteren Verlauf des threads setzt er fort:
My explore feed is full of cars, holidays destinations and food. The things I actually love. I’ve never come across hate or any of the things you mention.
As for all that political shit, we have a 75 year window into this life and soon we’re all gonna be dead and forgotten. You can either enjoy it or get all worked up over things out of your control. Life ain’t that deep, people just make it so.
At least we have the freedom to make a living using the internet. A vast % of the world can’t.
So sehr mich auch cringed, was er da von sich gibt, er hat in einigen Punkten einfach recht. Life is what you make it. Und Social Media eben auch. Wir haben die Freiheit zu entscheiden.
Es fällt mir zum jetzigen Zeitpunkt schwer zu irgendeinem Fazit zu kommen, aber irgendwann muss dieser Post ja mal enden. Vielleicht hat Roman Fox Recht und ich bin einer dieser verbitterten Typen. Vielleicht bin ich aber auch einfach nur schon alt genug, um zu wissen, dass sehr vielen Menschen kein 75 Jahre langes Zeitfenster auf diesem Planeten zur Verfügung steht.
In diesem Sinne, choose your time wisely.