Lindenberger

Ich wohne jetzt in einem Hotel. Nicht in einer Suite, aber doch in einem recht komfortablen und vor allem geräumigen Doppelzimmer eines modernen, sauberen und angenehm durchklimatisierten Hotels im Shoppingdistrict Marrakechs. Ich bin quasi Udo Lindenberg. Willkommen in meinem neuen Leben und zu dem ersten Blogeintrag seit fast einem Jahr. Ein Jahr? Ja da war was…das Bloggen.

Ende letzten Jahres flatterte eine email meines Arbeitgebers in mein Postfach, dass man Freiwillige suche, welche Lust haben mindestens drei Monate, aber maximal anderthalb Jahre in Marrakech zu arbeiten. Aus Spass habe ich das meiner Frau erzählt, mit vollem Mund beim Essen, mal gucken wie sie reagiert und sie so:

"Du machst das!”

Ungläubig schaute ich sie an und überlegte schon mal, welche Objektive ich mitnehmen werde, analog oder digital, wenn analog, welche Filme, wer bin ich und wenn ja, wie viele. Jeder Hobby Foto Otto kennt diesen Hustle. Wallah Krise.

Von meinen deutschen Kollegen ist keiner gegangen. Einer aus Berlin aber der ist Brite.

Fünf Monate später sitze ich mit enorm viel Gepäck im Flieger nach Marrakech. Ich weiß, wie die meisten reagiert haben, als ich Ihnen von unseren Sommerplänen erzählt habe. Sogar beste Freunde reagierten mit einem verhaltenen “warum zur Hölle”, andere waren da weniger wohlmeinend, den meisten Zuspruch bekam ich eigentlich immer von dem gleichen Typus Mensch. Aber das ist okay so. Während die Wolken unter mir vorbeiziehen, lasse ich all das noch mal Revue passieren.


“Du wirst dich noch umschauen in Afrika”,


haben sie gesagt.

Eine gute Woche später tue ich das auch. Und zwar an jeder Ecke, an jeder Kreuzung, auf jedem Markt und überall entdecke ich Dinge, die meine Neugier wecken, die ich fotografiere, Menschen, die mir freundlich gesinnt sind, Gerüche, Farben, the full package. Und nein Jochen hier gibts wirklich keine Teewurst, die du dir auf deinen fetten Schmerbauch schmieren kannst, aber wenn du gerne Fleischreste frisst, dann kannst du dir abends nach Anbruch der Dunkelheit eine leckere Portion Schafs-Hirn auf dem Djemaa el Fna gönnen.

Djemaa el Fna (bei Tag ohne Schafs-Brain)

Ja Bärbel, hier wird viel gescamt, ist mir auch schon passiert, beispielsweise gestern, als ich mir einfach nur die Haare schneiden lassen wollte und jetzt ein neues Gesicht habe, große neue Titten und eine Gesichtshaut so rein, da kannst du dein Sashimi von essen. Natürlich hat das mehr gekostet als die angepeilten 19 Euro, aber dafür habe ich ja auch Leistung bekommen, Leistung die ich zwar nicht wollte aber hey das ist Marrakech. War das jetzt ein Scam? Wohl kaum, ich hätte ja jederzeit gehen können, aber der Dude hat mein Face mit mehr Liebe behandelt als deine Mutter dich dein ganzes Leben lang, warum also hätte ich gehen soll, es war ja einvernehmlich.

Okay, ehrlich, manchmal nervt das auch. Am schlimmsten sind die Leute, die aus dem nichts auf dich zukommen und dich vollquatschen. Die dir irgendetwas zeigen, was du nicht gesucht hast und dann die Hand aufmachen. Ich habe mich dann herzlich bedankt, als mir Abdullah die Koutoubia Moschee gezeigt hat, die ich bereits seit einigen Minuten mit meinem iPhone fotografiert hatte. Schukran.

Koutoubia-Moschee

Marokkaner bezeichnen Marrakech als Hauptstadt des Scams. Ich lerne jedenfalls jeden Tag mehr und mehr, mich abzugrenzen und Situationen richtig einzuschätzen, aber dadurch habe ich auch wundervolle Menschen kennengelernt. Abdellah, den Galeristen und Mitbegründer des arabischen Künstlerkollektivs Yassalam und seine Frau Zineb, ebenfalls Künstlerin. Ich habe in der Galerie direkt erstmal zwei Zines gecopped und mich zuhause gefühlt.

Auf einem Roadtrip durch das Atlasgebirge habe ich in Aït Ben Haddou habe ich zwei Berber Brüder kennengelernt, die mich herzlich empfangen haben in ihrem Ladengeschäft, ein Sammelsurium aus Nippes der letzte 39 Jahre, typische Touristen-Souveniers, aber das ist eben deren Job, diese Dinge zu verkaufen, die leben davon, Dieter. Im deutschen Baumarkt wünsche ich mir manchmal, dass Winkeleisen-Werner mich nicht so herablassend behandeln würde, bloß weil ich nicht weiß, in welchem Gang ich eine 19er Halts-Maulschalen Kreutzschlitzmuffe finde. Leben und leben lassen und nicht immer overthinken. Nein heißt nein, auch hier. Gerade hier.

Touri-Thomas und Berberbro, nachdem sich Thomas einen Pinky-Ring (endlich!) gekauft hat.

Was definitiv nicht bereue ist die Entscheidung auf dieser Worcation (Ja, Jürgen ich sag das jetzt so, auch wenn das für dich cringe ist) ausschliesslich auf Film zu setzen. Irgendwie entspannt es mich, dass ich nicht jeden Tag digitale Bilder an meinem Rechner bearbeite, sondern einfach drauflos knipse und schaue, was mir die Filme geben, nachdem mein Freund Tobi vom UrbanFilmlab sie entwickelt und gescannt hat.

Stash

Zum Zeitpunkt des Schreibens dieses Blogs bin ich zwar etwas übersättigt, aber mal wieder einen Eintrag zu verfassen, ist genau das richtige, um wieder Energie zu tanken. Ich häng noch ein paar Bilder an, die ich im Übrigen alle mit dem iPhone 17pro geschossen habe. Ein guter Freund hat mir eine Kamera App namens Project Indigo empfohlen. Mit dieser App kann an Blende, Verschluss und ISO kontrollieren (mache ich aber nicht), was diese App aber ausserdem macht, ist noch mehr Fotos zusammenzustitchen, als die native Kamera App und damit kann man dann in Lightroom mobile sehr gut arbeiten. Danke für den Tip Dani!

Bis bald, ihr Schleckermäulchen.

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Schöne Dinge