Manchmal ist halt scheisse

Ich bin seit etwas über einem Monat in Marrakech und ich hab schon bisschen FOMO. Während ich in Berlin lebend eher unter FIBO (fear of being involved) leide, kehrt es sich hier um und ich bin die ersten drei Wochen wirklich in jeder freien Minute um die Häuser gezogen, jede verschissene Palme habe ich fotografiert und vor allem Schwalben und Tauben. Richtiger Leica Otto sein Vater. Sei es drum, war ja auch irgendwie geil.

Wenn ich dann nach fünf Tagen Arbeit meine off days hatte, bin ich gereist. Durch das Atlas Gebirge, Richtung Wüste, in ein Kiffer Kaff an der Atlantikküste, Bus, Bahn, dies das, Mandelsaft. Genau, Mandelsaft habe ich auch getrunken. In Fès. Und dort war es dann halt auch mal scheiße. Und darum geht es hier heute.

Ich habe mir recht spontan Zugtickets gebucht von Marrakech nach Fès auf Empfehlung eines Kollegens auch noch ein Riad für zwei Nächte.

“Ein Riad ist ein traditionelles marokkanisches Haus oder Stadtpalais, das um einen innenliegenden, meist begrünten Hof mit Brunnen oder kleinem Pool gebaut ist. Die Zimmer öffnen sich zum Hof, während die Außenfassade oft schlicht ist, um die Privatsphäre zu wahren.”

Wenn Du das schon wußtest, tut mir das leid Rüdiger.

Zugfahren in Marokko ist vor allem eins. Günstig und püntlich. Ach so, das sind zwei Attribute, richtig Rüdiger. Ich hab mir natürlich first class gegönnt und so saß ich eingequetscht auf einem vierer aus den 80ern inmitten einer marokkanischen Familie, deren 12jährige Tochter Magen-Darm hatte und auch die Eltern schluckten über die sieben stündige Zugfahrt hinweg ausschliesslich Tabletten und sahen ebenfalls relativ elend aus. Ein Glück hatte ich auf die urdeutsche Tradition Frikadellen Brötchen und hartgekochte Eier auszupacken, verzichtet. Die haben mich schon angewidert angeschaut, als ich mein Croissant aß. Die Armen.

Bis dato war aber alles eigentlich alles ganz groovy.

Pünktlich erreichte der train den Bahnhof von Fès und ich fällte die erste von einer Reihe von folgeschweren Fehlentscheidung. Viele Riads bieten einen (kostenpflichtigen) Abholservice an. Ich gehe aber immer gerne zu Fuß durch eine mir neue Stadt und so hatte ich das auch hier vor. Da habe ich die Rechnung allerdings ohne den Wirt beziehungsweise die Sonne gemacht und so fand ich mich um 13:30 in gleißender Mittagshitze bei 43 Grad auf einem Krawallmarsch wieder, schwitzend, hechelnd, fluchend.

Weil ich grundsätzlich gut angezogen reise, war mein weißes Langarm-Hemd (ganz im Ernst, was für ein Spasti bin ich eigentlich?) nach kurzer Zeit klitzschnaß, aus meiner Arschritze tropfte mir der Schweiß in die Schuhe und sorgte dafür, dass ich mir Blasen lief. Arschwasserblasen. Eine einzige Katastrophe, aber natürlich ließ ich es mir NICHT nehmen KEIN Taxi zu bestellen, nein, das wäre einer Niederlage gleichgekommen. Und so quälte ich mich bis an die Stadtmauer der Medina und war immediately und completely lost.

“Der Begriff "Medina" bezieht sich auf die Altstadt vieler nordafrikanischer Städte, insbesondere in Marokko, und bezeichnet das historische Zentrum mit engen Gassen und traditionellen Märkten.”

Halt’s Maul, Rüdiger.

Ich wurde direkt von zwei Kindern abgefangen und begann entgegen meines mittlerweile recht gut geschulten Bauchgefühls, mich auf eine Unterredung einzulassen, welches chronologisch gesehen die zweite Fehlentscheidung gewesen ist. Obwohl ich weder französisch noch arabisch spreche und die Kids weder englisch noch deutsch verstanden, ging es dann relativ schnell darum, ob ich ihnen Geld geben sollte oder vielleicht sogar müßte, für eine Leistung, die zuerst noch definiert werden müsste und infolgedessen zu erbringen wäre.

Naja irgendwann ließen Sie mich ziehen und ich stolperte in ein kleines Restaurant und bestellte mir einen Espresso und einen Liter Wasser. Dort unterhielt ich mich dann aber wirklich nett mit den Besitzern über Gott, Allah und die Welt und verabredete lose, dass ich zum Abendessen wiederkäme.

Nach einer guten halben Stunde bin ich dann weiter Richtung Dar Seffarine geirrt. Apple Maps stieg schon am Eingangstor zur Medina aus und google Maps bekam spätestens jetzt epileptische Anfälle und directional Tourette, es war nichts zu machen. Und überall saßen dann noch irgendwelche nicht sonderlich hilfreichen Dudes, die dich drauf hinweisem, dass da, ja genau da, wo du jetzt längs gehen willst, gesperrt ist. Das ist wohl ein eher Fès spezifischer Scam, den Leuten zu erzählen, dass alles zu hat oder bald zumacht oder eventuell nie wieder aufmacht und das man deswegen unbedingt, dort hin (nicht) sollte, besser aber dahin (auch/nicht) zu gehen - verwirrend! Natürlich ignorierte ich das, aber irgendwann antwortete ich dann doch auf die Frage, wo genau ich hinwill.

Dritte Fehlentscheidung. Dude 1 rief Dude 2 herbei und ehe ich mich versah, befand ich mich (mal wieder) in dem “Ich zeig dir den Weg Scam”. Ich bin knapp hundert Meter mitgelaufen und sagte dem Bre dann, ich würde ihm 20 Dirham geben (zwei Euro), ich wußte, dass es nur noch wenige hundert Meter sein können. Er sagt dann, er verlange aber 50. Ich stoppte, schaute ihn an und meinte, dass ich seine Hilfe weder benötige noch will. Er kann jetzt von mir 20 Dirham bekommen und mich in Ruhe lassen oder mir den ganzen Weg zeigen, bekommt dann aber gar nichts. Er gab sich dann mit 20 zufrieden und ließ mich ein weiteres mal ziehen.

Und jetzt mal kurz zur Einordnung bevor Bärbel hier mal wieder irgendwie ein strukturelles Problem heraufbeschwört.. Hier probiert jeder sein Schnapp zu machen. Das ist auch okay. Ich hab schon viel money hier gelassen und auch wenn ich aus deren Sicht der reiche weiße Arsch bin, bin ich aus Sicht von Frau K. der Berliner Sparkasse eben auch der Typ, der zu oft viel zu tief im Dispo steckt und einen hohen sechsstelligen Betrag Hauskredit noch abzubezahlen hat. 20 Dirham waren deshalb fair, weil ich

a) keine Leistung wollte und weil

b) die verfickte Taxifahrt vom Riad zum Bahnhof lediglich 15 Dirham gekostet hätte für die sechs Kilometer.

Es heißt eben auch Scam, weil es nicht fair ist. Trotzdem macht es mich nachdenklich. Zum Teil sind es Kinder, kaum älter als meine eigenen. Schwierig. Würde mich echt interessieren, wie ihr damit umgeht. Meinen Vibe hat es auf jeden Fall gekillt und als ich dann endlich ohne fremde Hilfe das Riad erreichte, wollte ich nur noch schlafen und das tat ich dann auch.

Nach einer Stunde wachte ich auf und buchte meine Zugfahrt um auf den nächsten Vormittag, probierte die zweite Nacht im Riad zu canceln (ging nicht, nervte zwar, aber fair enough.) und buchte mir eine Nacht in Rabat, der Hauptstadt Marokkos. Ich wollte Fès gar keine Chance mehr geben und so blieb der eingangs erwähnte Mandelsaft die einzige positive Erfahrung - beinah.

Ich erinnerte mich nämlich auf einmal an die Worte des lieben Florian Renz, der mir empfohlen hatte, die Medina freitags aufzusuchen, da dann die meisten Geschäfte geschlossen sind und eine ganz besondere Stimmung vorherrscht. Nun, die Wochentage konnte ich nicht einfach swappen, aber nach einem leckeren Abendessen bei den den beiden Espresso Bar Besitzern, die es kaum glauben konnten, dass ich wirklich noch mal wieder gekommen bin, ging ich erschöpft schlafen, fest entschlossen mit dem ersten Licht des neuen Tages, der Medina Fès noch mal eine Chance zu geben.

Und das war dann wirklich magisch. Ich kann es really kaum erwarten, meine Rollen entwickelt zu bekommen. Irgendwie hat mich das versöhnlich gestimmt und wenn man mal ehrlich ist, dann ist es auch in weiten Teilen meine eigene Attitude gewesen, welche mir den Trip vermiest hat. Manchmal muss man sich auch einfach etwas Ruhe gönnen. Aber darum gehts im nächsten Blog.

Bis bald.

Dar Seffarine war wirklich ein wundervolles Riad in Fès (link auf dem Bild)

Abendbrot

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