Spieglein, Spieglein

Manchmal schaue ich in den Spiegel und frage mich, wer das eigentlich ist. Den Menschen, welchen man am seltensten betrachtet, ist man selber. Manchmal stehe ich also vor dem Spiegel und stelle mir die Frage, wer mich da eigentlich anstarrt. An einem Tag, an dem ich von den Kindern genervt bin, schaut mich mein Spiegelbild heute genauso fremd an, wie noch vor 15 Jahren, als ich ähnlich ratlos vor dem Spiegel stand und mich fragte, wann das Leben endlich etwas mehr hergibt, als Party, Fusel und one night stands, ob alles irgendwann vielleicht doch mal Sinn macht, ob dieses Erwachsensein irgendwann einfach passiert, gar Spaß machen könnte und sich leicht und nicht leer anfühlen könnte.

Und heute stehst du da, grau bist du geworden, Krähenfüße und leichte Augenringe von den vielen kurzen Nächten, sei es durch die Kinder oder durch die Arbeit, Geheimratsecken ziehen sich hoch über den Schädel und das Leben hat Spuren hinterlassen, die vielen Zigaretten, der Alkohol und doch siehst du irgendwie besser aus, mehr bei dir selbst, zentrierter und zuversichtlicher und weniger lost als damals vor 30 Jahren, wo alles sich ungewiss anfühlte.

Wir verbringen unglaublich viel Zeit damit, anderen Menschen zuzuschauen, wie sie irgendwas machen. Irgendwas dummes, irgendwas witziges, etwas, was nur 15 Sekunden dauert, aber dich diese 15 Sekunden lang fesseln soll, komplett disconnected von der Realität, von deinen Kindern, deiner Müdigkeit oder deinem AfD wählenden Nachbarn. 15 Sekunden und dann noch mal 15 Sekunden, vier mal insgesamt und dann ist die Minute zu Ende, die Wurst lange gelegt, der Kaffee fertig, der Toast verbrannt, das Hirn auch, die fragenden Augen deiner Kinder bekommst du gar nicht mehr mit, so spannend ist das Leben der anderen, wie sie einen Film in die Kamera einlegen, einen veganen Kartoffelsalat machen oder zum vierten Mal diese Woche 10km im Regen joggen, in unter 50 Minuten, me vs. me, aber natürlich nur auf der großen Bühne des Social Media Plattformen, damit sich alle anderen an deiner Kraft und Ausdauer laben können.

Und jetzt stehst Du wieder da vorm Spiegel mit deinem Waschbärbauch und fragst dich, ob die Barthaare eigentlich schon grau rauskommen, so wie Eintagsfliegen in voller Geschlechtsreife schlüpfen, nur um alles zu zerficken für die paar Stunden, die sie auf dieser Erde verweilen. Währenddessen hat dein Nachbar folgenden WhatsApp Status geteilt:

“Road to Iron Man 2028”

Völlig klar, dass der Iron Man seit jeher schon ein Sammelbecken für Mitfünfziger ist, die in ihren Dreißigern eine gelangweilte Hausfrau gevögelt haben (ihr eigene), in den Vierzigern weder Siebträgern noch Rennradeln durften und mit 50 noch mal hoffen, jung zu sein, für all das, was sie in ihrem Leben verpasst haben. Aber so funktioniert das nicht und so stehst du da und fragst dich, warum alle Welt - Du auch - auf einmal alles teilen möchte,, was einem widerfährt, wo kommt dieser Drang her, eine Bühne betreten zu wollen? Müde schaust Du aus heute.

Dein dreijähriger hat den Tag heute mit einem Major freak out begonnen, der Grund war anfangs völlig unklar, es kristallisierte sich später heraus, dass der Grund “Aufwachen” war, aber es war keine Zeit für individuelle Einzelbetreuung, die Schulkinder mussten fertig gemacht werden, also entgegnest Du dem am bodenliegenden Nervenbündel, dass sich “der nächste freie Mitarbeiter schnellstmöglich um sein Anliegen kümmern werde” und dann wäre so ein Konservenlacher wie bei Sitcoms aus den 90ern irgendwie genau angebracht gewesen, aber keiner hat deinen Gag gewürdigt, dabei war der so gut. Und jetzt putzt Du dir die Zähne richtig gründlich vorm Spiegel und der Teil einer Füllung bricht raus. (“AAAWWWW” aus der Konserve).

“Du bist gut genug” hieß es neulich in einem aktuellem Pop Hit, in der eine recht unnatürliche junge Frau und ein relativ natürlich aussehender junger Mann das Leben und eine eigentlich wünschenswerte Attitude besingen. Ich glaube allerdings nicht, dass ich oder du einfach nur gut genug sind.

Ich kenne eine Welt vor dem Internet, eine Welt mit Mixtapes, die nach selbst-gedrehten Zigaretten riechen, Che Guevara Shirts und Eastpack Rucksäcke, Dreiblatt Joints und Carlsquell, analoge Fotografie als notwendiges Übel, kein Groschen für die Telefonzelle, das erste WuTang Album, KIDS und ich kenne die Angst vor dem ersten Anruf bei Malinda, weil ihr Vater ans Telefon gehen wird und Fragen stellt, und ich habe den 11. September 2001 live vor dem Fernseher verfolgt.

Dein Nostalgia ist ein Teil meines Lebens.

Also fuck yeah, ich bin mehr als nur gut genug.

Ich stehe vor dem Spiegel und mir wird klar, dass ich genau da bin, wo ich sein soll, hier passiert jetzt das, was sein soll und alles ist an seinem Platz, dort wo es hingehört und ich bin mittendrin, kein Zuschauer oder Zaungast, ich bin der Protagonist.

Für diesen einen Moment ist alles ganz klar.

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Baddredine