Baddredine

Nach dem ich knapp sechs Wochen alleine in Marrakech war, kam meine Familie endlich nach. Wir bezogen eine Ferienvilla mit Pool, Netflix und co. Das einzige was fehlte, war die Nähe zu einem Supermarkt. Also bestellt ich kurz nach unserer Ankunft ein Uber, schnappte meine Tochter und machte mich auf den Weg zum Carrefour.

Weil ich es in der App nicht hinbekommen habe unsere korrekte Adresse anzugeben, sind wir hundert Meter zur Hauptstraße spaziert und warteten. Nach knapp zehn Minuten kam ein schwarzer Mercedes Van um die Ecke. Überhaupt ist es meistens diese Sorte Van, die dich abholt, wenn Du in Marokko ein Uber bestellst. Touristische Taxitransporte, die sich ein paar Dirham dazuverdienen in der off Season beziehungsweise abseits der üblichen Touri Tages Touren zu den nahgelegenen Sehenswürdigkeiten.

Ein junger Mann stieg aus, öffnete die Schiebetür und begrüßte uns freundlich. Er stellte sich als Baddredine vor und hielt angenehmen small Talk auf der fünfminütigen Fahrt zum Supermarkt. Ich erzählte ihm, dass wir keinen Mietwagen genommen haben, weil das in keinem Verhältnis zum Preis steht, dass ich allerdings auch dachte, der Supermarkt wäre zu Fuß zu erreichen; Baddredine antwortet in der mir mittlerweile gewohnten marokkanischen Hilfsbereitschaft, „no worries sir, ich give you my number sir, and I will pick you up, no problem, sir.“ Bisschen zu viel Sir, aber solange man mich nicht mit General Feldwebel Sir Yes Sir anspricht, kann ich damit umgehen.

Nach einer Stunde Hamstereinkäufen (du kriegst mich zwar aus Deutschland, aber den Deutschen nicht aus mir lol), schrieb ich Baddredine und er holte uns wie versprochen ab.

Von dem Tag an wurde er für vier Wochen unserer Fahrer. Er fuhr mich früh morgens zum Flughafen und holte mich nachts ab,  brachte meine Frau zum einkaufen und fuhr meine Familie in die Medina oder zum Wasserpark, wir machten einen Tagestour ins Ourika Valley und auf dem Rückweg hielt er ein paar Kilometer vor unserem Domizil in einem Wohngebiet an, rannte in ein Haus und kam nach einigen Minuten freudestrahlend mit einer riesigen Tajine in den Händen wieder herausspaziert und sagte, dass wir uns heute nicht ums Abendessen sorgen müssen, seine Mama habe für uns gekocht.

Auf den gemeinsamen Fahrten unterhielten wir uns viel. Ich verstand nach einiger Zeit zwar, dass er nicht alles verstand, was ich sagte, ich verstand aber, dass sein Vater nicht mehr lebt und dass seine kleine Schwester Niereninsuffizienz hat und drei mal wöchentlich zur Dialyse muss, dass es zwar eine staatliche Krankenversicherung gibt, die aber nur das nötigste abdeckt und dass er viel arbeitet, um seiner Familie nicht viel sondern einfach nur ein Leben zu ermöglichen. Und trotzdem begrüßte er mich jeden Morgen mit einem Lächeln, high five mit den Kids, immer fürsorglich, immer pünktlich, immer da für einen.

Eines Tages schrieb er mir, dass seine Mama gestürzt und im Krankenhaus sei, im Koma habe sie gelegen und er könnte uns deswegen nicht fahren, entschuldigte sich tausend mal, „my apologies sir, so sorry sir, but I have to be there for my mom, she’s all I got, but I can drive tomorrow evening, no problem sir.“

Am nächsten Tag fragte er mich, ob ich ihm 1500 Dirham leihen könnte. Er kann die Krankenhausrechnung sonst nicht bezahlen. Ich sagte ja. Ich sprach mit meiner Frau drüber. 150€ wäre in etwa das gewesen, was ich ihm zum Abschied gegeben hätte, als Tipp, als Anerkennung, als Dankeschön für seine Verlässlichkeit. Das schlimmste, was also passieren könnte, wäre also, dass ich das Geld nicht wiederbekäme, aber sei es drum.



Natürlich weiß ich, was du jetzt denkst, Rüdiger.



„Das ist Scam.“ Und ja, das ist selbstverständlich möglich, aber ich weigere mich, hinter allem etwas schlechtes zu sehen, ich möchte an das Gute im Menschen glauben, ich bin Christ, Nächstenliebe dies das und ich will helfen, da wo ich direkt helfen kann. Sofort den nächsten Betrugsversuch zu wittern, ist nämlich in diesem Zusammenhang extrem weiß und irgendwie rassistisch. Und so hab ich kein Bock zu sein.

Am nächsten Morgen auf dem Weg zur Arbeit gab ich Baddredine 1500 Dirham, am Nachmittag holte er mich ab & wollte kein Geld für die Fahrten haben, er möchte das vom Schuldbetrag abziehen und ich fühlte mich in meinem Bauchgefühl bestätigt.

Nur noch 1200 Dirham.

Abends fuhr er uns in die Stadt und holte uns ab.

Nur noch 1000 Dirham.

Am nächsten Tag zum Supermarkt und zurück.

Nur noch 800 Dirham.

Um 18:30 am vorletzten Abend vor der Abreise meiner Familie (ich selber blieb noch zwei Wochen länger in Marrakech) wollten wir noch einmal in die Stadt fahren, zu Abend essen und eine Kutschfahrt mit den Kinder machen. Um 18:40 war Baddredine noch nicht da und ich rief ihn an. Er ging nicht ran. Um 18:45 schrieb ich ihm, ob alles okay sei. Um 18:55 bestellte ich ein Uber und setzte ihn darüber in Kenntnis.

Wir sollten Baddredine nie wieder sehen. Es zog mir den Boden unter den Füßen weg.



Nein Rüdiger, es geht nicht um die 80€.

80€ sind ein fünftel dessen, was Baddredine im Monat verdient, jede Nacht arbeiten von 18:00 bis 06:00 Uhr morgens und tagsüber dann, wann immer reiche, weiße Touristen irgendwo hinmöchten, sieben Tage die Woche, 30 im Monat, das ganze Jahr über. Familienväter, die auf einer Worcation Tour irgendeinen Uber Fahrer zu “ihrem” Fahrer machen, weil sie Höflichkeit mit Versprechen verwechseln. So bin ich eben auch. Irgendwie.

An dieser Stelle spielt es keinerlei Rolle, wieviel 80€ für mich sind, es geht um das Verhältnis.

Ich habe lange mit meiner Frau geredet, was ihn dazu veranlasst haben könnte, diesen Weg zu gehen. Ich war so traurig und enttäuscht, aber sie sagte,  dass es wahrscheinlich nicht um mich geht. Er hat gemerkt, dass er aus welchen Gründen auch immer, mir das Geld nicht wiedergeben kann, und dass es für ihn, für seinen Stolz, seine Ehre oder was auch immer, das einfachste war, einfach zu verschwinden aus unserem Leben.

Und trotzdem denke ich jeden Tag an ihn und wie es ihm und seiner Familie wohl geht, ich schaue jeden Tag, ob er nicht doch noch mal schreibt. Sein Verschwinden zwingt mich, einige grundsätzliche Dinge zu hinterfragen, mich damit auseinanderzusetzen, was es eigentlich heißt, als weißer Mann in Deutschland geboren zu werden, was für Privilegien wir genießen dürfen und wie wenig wir davon zurückgeben. Was unser deutscher Pass eigentlich bedeutet. Dass wir prinzipiell in jedes Land auf der Welt einreisen dürfen. Die Welt steht uns offen, während wir den meisten Menschen nicht nur ein Touristenvisum versagen, sondern auch den Wunsch nach einem besseren Leben absprechen.

Denk mal darüber nach, wenn Du in der Wahlkabine dein Kreuz machen darfst.

Anfang September zurück in Deutschland. Baddredine hat geantwortet.

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Manchmal ist halt scheisse