Dunkle Augen
Du warst schon immer besonders. Ich weiß es, seit dem dich deine Mutter zur Welt gebracht hat, ihre zweite Geburt, die erste natürliche, die erste ohne Komplikationen und dann kamst du raus, nur kurz hast du einen Laut von dir gegeben, dann hat deine Mutter dich angelegt und du hast sofort getrunken, das wofür deine Schwester Tage brauchte, hat bei dir sofort geklappt, es wirkte fast so, als wolltest du keinen Ärger machen, du wolltest einfach nur raus und bei uns sein.
Ich weiß noch wie Mama nach zwei Tagen mit dir nach Hause kam und deine Schwester ihre Eifersucht nicht in den Griff bekam, deine Mutter, geschwächt, wie sie nach der Geburt noch war, nachgab und ich begriff, dass ich erst jetzt zum ersten Mal richtig Papa sein muss, nicht nur eine Nebenrolle spielen darf, dass die Verantwortung für ein weiteres Kind, ein Neugeborenes, nun bei mir liegt und so nahm ich dich am ersten Abend und wiegte dich in meinen Armen, summte und sang bis du eingeschlafen warst. Deine Schwester konnte nie bei mir einschlafen. Ich weiß noch, wie unglaublich stolz an diesem Tag, wie zuversichtlich und erfüllend dieser Augenblick war. Das wurde unser Ritual. Das Einschlafen, zuerst auf meinem Unterarm, dann auf meiner Schulter, in einem Tragebeutel, im Kinderwagen beim Einkaufen, im Auto auf Fototour, zwei, drei, fast vier Jahre lang.
Ich weiß noch, wie du nicht in die Kita konntest weil ein Virus die ganze Welt im Griff hatte, kein Schwimmkurs, kein Turnen, alles stand still, keine Touren zum Supermarkt und als du dann endlich mit dem Kindergarten anfangen konntest, hat es nicht geklappt. Deine Mutter hat deine Tränen der Trennung nicht ertragen, also habe ich übernommen, aber auch ich konnte es nicht über mich bringen , dich mit deinen großen dunklen, fragenden, so schönen Augen alleine zu lassen, also haben wir das abgebrochen, es war zu früh, du zu klein, zu zerbrechlich, als das wir dich hätten dort lassen können in der sogenannten Krippe, einer Einrichtung, die in mir mittlerweile Unbehagen auslöst, ein Relikt aus der DDR, in das man Kinder steckt, die so klein sind, dass sie noch nicht mal „ja“, aber vor allem noch nicht mal „nein“ sagen können.
Irgendwann hat es dann geklappt mit der Kita, widerwillig bist du hin, und immer wenn man dich gefragt hat, was du heute in der Kita gemacht hast, hast du gesagt, „nichts“, also habe ich auf dem Weg zum Supermarkt an der Kita gehalten, habe durch den Zaun in den Garten geschaut und dort hast du alleine auf einer Bank gesessen, also habe ich dich gefragt, was du alleine auf der Bank gemacht hast und du sagtest:
„Nichts, Papa.“
Wenn ich frei hatte, bist du manchmal zuhause geblieben, hast mir beim Einkaufen geholfen und beim Kochen und als dann dein kleiner Bruder geboren wurde, hast du sofort deine neue Rolle angenommen, standest vor deiner Mutter und hast zugeschaut, wie sie Noah gestillt hat, mit einer Hand hast du seinen kleinen Kopf berührt und mit der anderen Mamas Brust, als würde das den Kreislauf schließen und du lächeltest mit deinen großen, dunklen, mit deinen wunderschönen Augen. Noah brauchte keine Eingewöhnung in der Kita. Du hast ihn einfach an deine Hand genommen und er wusste, dass er sich nicht fürchten muss. Du warst für ihn da und hast ihn beschützt.
Ich weiß noch, wie wir mit deinen beiden Geschwistern abends im Bett saßen und euch erzählten, dass ihr noch eine Schwester bekommt und du vor Freude angefangen hast zu weinen und es kaum glauben konntest und ich musste dann auch weinen, weil du mit dieser Reaktion jegliche Unsicherheit aus Mamas und Papas Gedankenwelt vertrieben hast.
Und dann dann dreht man sich drei mal um, fährt ein paar mal in den Urlaub und du gehst in die Schule. Du hast das gut gemacht. Du meckerst nicht darüber, dass Du auf einmal jeden morgen pünktlich aufstehen musst, nur die richtige Hose zu finden, die, die sich gut anfühlt, die nicht juckt, das dauert manchmal etwas länger und auch der Umstieg auf die dickeren Herbstklamotten fordert dich, aber wir schaffen das.
Neulich kamst du nach Hause, nachdenklich und hast gesagt, dass du auch endlich mal Freunde finden möchtest. Du hast gefragt, wie man das macht. Es hat mir das Herz gebrochen, als mir Mama davon erzählt hat. Du musst nicht mit den anderen Jungs Fußball spielen oder Mädchen ärgern. Bleib wie du bist, denn du bist perfekt. Tanze, lache, verkleide dich als Spiderman und Captain America, als Konfetti der Zauberer oder Leckerli der weiße Hund. Du wirst bald Freunde finden, die das mit dir teilen. Und irgendwann wirst du einen Menschen finden, der dich über alles liebt, genauso wie ich dich liebe mit deinen großen, dunklen, mit deinen wunderschönen Augen.
Bis dahin bleibst Du unser Luka, häufig der lauteste und most challenging, aber auch der, der abends im Bett liegt und auf die Frage, was er sich wünscht, antwortet:
“Dass alle gesund bleiben und keiner stirbt.”